Die „1. Internationale Autorenmesse“ und das Spiel mit der Hoffnung

Montag, 13. Juni 2016 14:55

Die Autorenmesse am 4. Juni 2016 gab Schreibfreunden Einblicke in die zahlreichen Tätigkeitsfelder rund um die eigene Buchpublikation. Auch dem Marketing – für einige ein willkommenes Spielfeld, für andere eine vermeidbare Belastung – wurde hierbei großer Raum gegeben.

Derzeit beschäftigt sich ein Teil der Buchbranche weniger mit lesender als vielmehr mit schreibender Kundschaft. Jungautoren, denen Schreiberfahrungen, Einblicke in die Feinheiten des Buchmarktes oder das nötige Durchhaltevermögen fehlen, gelten dabei als lohnende Zielgruppe für eine Reihe von Beratern, Verlegern und Coaches. Beraten, verlegt und gecoacht wird in vielen Bereichen: Beim Eintritt in den Buchmarkt, beim (Selbst-)Marketing und beim Schreiben selbst. Alleine die Ratgeberliteratur hierzu dürfte ganze Bibliotheken füllen.

Denn nie war der Literaturmarkt so komplex und so ausdifferenziert wie heute. Gleichzeitig existiert kaum noch eine nennenswerte Hürde auf dem Weg zum eigenen Buch: Mehr als die Erstellung eines PDFs und einer Webseite wird den angehenden Autoren nicht abverlangt, und die Honorare sind dank Amazon auf einen beachtlichen Anteil des Verkaufspreises gestiegen. Goldene Aussichten also?

Keineswegs. Denn je einfacher ein Buch erstellt werden kann, um so mehr Bücher drängen auf den Markt, um so größer wird auch die Zielgruppe der Literaturberater, Marketing-Coaches und Ghostwriter unterschiedlichster Arbeitsfelder, Qualitäten und Spezialisierungen. So hat sich ein Teil dieser Dienstleister offenbar darauf verlegt, jungen Autoren übertriebene Hoffnungen zu machen, von Bestsellern zu schwärmen und die Leichtigkeit, mit der ein Buch die Welt verändern könne, zu preisen. Angesichts solcher Aussagen scheint jede ehrliche und realistische Bewertung negativ und unfreundlich zu sein. Wer zerstört schon gerne die Träume und Hoffnungen von jungen Autoren? Dies wäre erstens nicht nett und würde zweitens die eigene Geschäftsgrundlage gefährden. Und so tarnt sich die unternehmerische Skrupellosigkeit mitunter als Ermunterung oder zuvorkommende Freundlichkeit.

Wo immer unerfahrene Autoren auf Phrasen wie „Bestseller“, „Bucherfolg“, „Autoren gesucht“ etc. treffen, ist Vorsicht angebracht und es sollten die Alarmglocken erklingen.

Eine realistische Perspektive ist es, davon auszugehen, daß Verlage meist wenig experimentierfreudig sind, sondern sich auf kommerziell erfolgreiche Buchtypen konzentrieren. Lack- und Leder-Vampire bevorzugt.

Niemand kann den Erfolg oder Mißerfolg eines Buches vorhersehen – allerdings deutet vieles darauf hin, daß sich die Erfolgschancen deutlich leichter zerstören als erhöhen lassen: Durch handwerkliche Schwächen beim Schreiben und Korrekturlesen, durch Vertrauen auf Onkel Alonsos Urteil, durch falsche Titelgebung, fahrige Cover- oder Preisgestaltung, durch ungenügendes Selbstmarketing, durch Diskrepanz zwischen Persönlichkeit und Buch, teils auch durch fehlende akademische Titel.

Verlage, so wurde bei der Autorenmesse schnell klar, sind Opportunisten, die Risiken scheuen und bei Erfolgen aufspringen. Sie bemühen sich um schnelle Profite und sind damit nicht alleine. Die gängigen Taktiken hierbei: die schmerzfreie Übernahme von Titeln, die sich im Ausland gut verkaufen, das Erkennen von Trends wie Schwedenkrimis oder Wanderhurengeschichten und die Ausnutzung aller medialen Kanäle für die Vermarktung. Gerade hierbei zeigt sich eine Mentalität des „the winner takes it all“. Experimente, Grenzüberschreitungen und neuartige Konzepte sind dabei unerwünscht.

Bei der Text- und Buchberatung existiert sicherlich eine große Grauzone – nicht jeder Dienstleister und nicht jede Beratungstätigkeit läßt sich eindeutig in Kategorien wie „ehrliche, preisgünstige Hilfestellung“ oder „Autorenabzocke“ einordnen. Wichtig ist, daß neue Autoren sich bemühen, im Vorfeld so viele Informationen wie möglich zu sammeln, um sich dann jene Beratungsleistungen zuzulegen, die sie tatsächlich benötigen. Je präziser ihre Informationen sind, um so besser kann selbst geurteilt werden, und um so weniger ist der neue Autor darauf angewiesen, den Ausführungen des Beraters blindlings Glauben zu schenken.

Wird dagegen unwissentlich eine unseriöse Beratung in Anspruch genommen, so besteht immer das Risiko, daß diese ihren Informationsvorsprung nicht im Sinne des Autors nutzt, sondern gegen diesen ausspielt. Dasselbe gilt für einige Zuschußverlage, die nicht nur jede eigentliche Verlagstätigkeit (wie Formatierung, Lektorat, Ansprache der Zielgruppe und Marketing) dem Autor überlassen, sondern diesem auch noch seine bereits von ihm finanzierte Erst- (und gleichzeitig Letztauflage) verkaufen möchten.

Zweifellos ist es für den Berufsstand der Ghostwriter wie auch für den der Buchberater und Literaturagenten zunächst lukrativer, unbequeme Wahrheiten großräumig zu umfahren und ihren Kunden lieber das zu sagen, was diese hören möchten.

Eine Reihe von Unternehmen bietet zudem Marketingberatungsleistungen an und sorgt dafür, daß die Autoren-Webseiten so gestaltet werden, wie Google sie am liebsten hat. Stromlinienförmig, SEO-optimiert und mit allen Social-Media-Buttons versehen ringen die Seiten um die knappe Aufmerksamkeit der Kundschaft. Ständige Statusmeldungen auf allen Kanälen betonen die eigenen Kompetenzen wieder und wieder. Wer sich von derlei Geschäftsgebaren nicht abschrecken läßt, sondern es gekonnt für seine Zwecke nutzen möchte, ist durchaus im Vorteil und konnte sich von den angereisten Ghostwritern, Literaturagenten und Coaches einige Kniffe abschauen.