Ghostwriter und Manager

Montag, 13. Juni 2016 15:16

„Kommen Sie bitte rechtzeitig!“

Manager, so unterschiedlich sie auch sein mögen, haben einige Gemeinsamkeiten: Den Mangel an Zeit und die daraus resultierende, dauerhafte Krisenstimmung, die sie umwabert und die ihnen Rollendefinition, Zufluchtsort und Legitimationsgrundlage in einem ist.

Gunter Dueck äußerte einmal, er habe seit dem Erreichen einer gewissen Karrierestufe kein heiles Projekt mehr zu Gesicht bekommen. Denn Aufmerksamkeit wird nur jenen Dingen gewidmet, die Dringlichkeit beanspruchen, etwa dadurch, daß sie kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Aktives Management verzögert dann diesen Zusammenbruch um einige Tage und nutzt die so gewonnene Zeit dafür, das nächste in sich zusammenfallende Projekt zu stabilisieren. Zeitweise, lokal, improvisiert und mangelhaft. Denn alles andere würde zu viel Zeit kosten.

Derlei vorausschauende Planung fordert selbstverständlich ihren Tribut – vom Management, von der Gesundheit, vor allem aber von der Kaste der Untergebenen.

An dieser Stelle kommt der Ghostwriter ins Spiel: Ein Externer, der das jüngste Projekt namens „Buch“ in die Wege leiten soll. Bald ist jener Unternehmensmitarbeiter, der sich nicht schnell genug in Sicherheit gebracht hat, auserkoren, die Kommunikation mit dem Geist zu übernehmen – natürlich ohne dabei seine sonstigen Pflichten zurückzustellen. Das Resultat: Der Mitternachtsgeist erhält eine Mitternachtsmail: Eilig zusammengestellte Dokumente, die es bis morgen, acht Uhr, durchzuarbeiten, auszuwerten, zu strukturieren und auf brillante Weise umzuformulieren gilt.

Nun wäre der Geist aber nicht der Geist, der er ist, wenn es ihm leichtfiele, sich in derart schnöde, hierarchische Strukturen einzufinden. Er hat nicht ohne Grund 20 Jahre an der Uni verbracht, gönnt sich das späte Aufstehen und das ausgiebige Frühstück inklusive sorgfältigem Nachrichtenstudium und Abarbeitung aller sozialen Netzwerke. Schließlich will man ja informiert sein, um den Kunden das nötige Hintergrundwissen bieten zu können.

Was der Ghostwriter einbringen kann, ist neben seiner analytischen Denkweise und Ausdrucksvielfalt vor allem sein Bildungshintergrund. Dieser entscheidet darüber, wie gut es ihm gelingt, die für ihn neuartigen Unternehmensinformationen zu verstehen, mit aussagekräftigen Metaphern zu versehen und in den Gesamtkontext des Buchs einzuordnen. Bevor er auch nur einen Finger auf die Tastatur niederschnellen läßt und ein einziges Wort schreibt, würde er am liebsten eine sechsmonatige Recherche- und Planungsphase durchlaufen, um sicherzugehen, daß das Thema auch in allen seinen wissenschaftlichen und weniger wissenschaftlichen Facetten durchleuchtet wurde.

Wie dieser Überblick zeigt, ist die Zusammenarbeit zwischen Managern und Ghostwritern vor allem ein Problem des Rhythmus. Ein lösbares Problem allerdings, wenn die Gedanken zum Buch bereits firmenintern herangereift sind und ein angemessener Zeitraum dafür eingeplant wurde. Zur Planung gehört es auch, die Zeiträume möglichst gut zu nutzen, indem parallel gearbeitet wird: Während der erste Teil gerade gegengelesen wird, kann der zweite bereits geschrieben werden. Dennoch gilt: Eine Buchplanung läßt sich in den seltensten Fällen eins zu eins umsetzen, denn erst mit zunehmender Materialfülle und beim ständigen Umgang mit den Themen ergibt sich eine sinnvolle Gliederung.

Wer sich also beim Buch Zeit nimmt, kann beruhigt schreiben lassen und gerät nicht in die Verlegenheit, das Buch als weiteres Projekt „managen“ zu müssen.