Mythos Storytelling

Donnerstag, 07. April 2016 12:29

Einige Ghostwriter setzen voll und ganz auf „Storytelling“, wenn es darum geht, ein Sachbuch oder einen Ratgeber möglichst ansprechend zu gestalten. Was verbirgt sich dahinter?

Geschichten dürften so alt sein wie die Menschheit selbst und das Bedürfnis nach ihnen hat heute ein immenses Ausmaß angenommen – seien es nun die jahrtausendealten, schönen oder schrecklichen Geschichten der heiligen Schriften, die modernen, actiongeladenen Kinospektakel, die unterhaltsamen Sitcoms oder die Bücher, Hörspiele und Filme über die epischen Kriege und Intrigen in Mittelerde oder Westeros.

Kunden, die einen Ghostwriter beauftragen, streben meist nach der Veröffentlichung eines Sachbuchs. Hier gelten andere Regeln: Regeln, die sich auf der Grundlage wirtschaftlicher und technischer Aspekte entwickelt haben. Anders als bei einem Roman, bei dem der Käufer sich bewußt und lustvoll in eine andere Zeit, an einen anderen, selbst gewählten Ort oder in die kuriosen Gedankengänge der Protagonisten entführen läßt, existieren für ein Sachbuch andere Bedingungen und Kaufmotivationen – gerade dann, wenn es um Unternehmen, Technologien, wirtschaftliche Strukturen oder Prozesse geht. In diesem Fall möchte der Käufer direkt profitieren, sei es durch die Kenntnis von Börsenmechanismen oder das Erlernen neuartiger Managementmethoden.

Storytelling kommt dann ins Spiel, wenn es darum geht, das Thema auf ansprechende Weise zu vermitteln. Gutes Storytelling wird die Lust am selbstständigen Entdecken des Textes und die Spannung beim Weiterlesen wecken – selbst dann, wenn das Thema auf den ersten Blick sehr trocken erscheint. Aus diesem Grund hat Storytelling durchaus seine Berechtigung.

Leider wird – auch im seriösen Teil der Ghostwriterbranche – Storytelling oftmals mit Sachkompetenz gleichgesetzt. Statt als sinnvolles, unterstützendes Mittel genutzt zu werden, werden Geschichten und Anekdoten unnötig oft herangezogen und auf eine übermäßige Länge ausgedehnt. In einigen Fällen kommt es gar zu einer Aneinanderreihung von Gleichnissen, bei denen jede konkrete Bedeutung verlorengeht („Ich weiß es ja auch nicht, aber die Geschichte ist so gut und der Leser wird es schon richtig verstehen!“)

Wird er nicht.

Wenn Sachbuchghostwriter Storytelling als Ersatz für fehlende Inhalte oder Kenntnisse betrachten, bedeutet dies, daß sie weder ihre Auftraggeber noch die am Buch Interessierten ernst nehmen. Denn deren Blick richtet sich, völlig zu Recht, stärker auf den Inhalt als auf den Stil. Höchste Zeit also für eine Entzauberung des Begriffs, höchste Zeit für Kunden, hellhörig zu werden und auch das vermeintlich Offensichtliche zu hinterfragen – gerade bei englischen Begriffen, die die zugrundliegenden Konzepte eher verschleiern als erklären und die oftmals zur Irreführung genutzt werden.