Text-Rebellion der Maschinen?

Sonntag, 28. August 2016 15:30

Glaubt man einigen gegenwärtig umherschwirrenden Prognosen, so wird, vorsichtig ausgedrückt, auch das Erstellen von Texten eine größere Umwälzung erleben.

Recherche & Schreiben

Journalisten, Wissenschaftler, Juristen und Schriftsteller haben eines gemeinsam: Ihr Arbeitskonzept. Dies besteht aus den beiden grundlegenden Phasen Informationsbeschaffung und Texterstellung. Die Recherche für neue Texte basiert, unter anderem, auf der Auswertung vorliegender Texte. Diese Aus-Wertung ist vor allem Be-Wertung: So müssen die relevanten Informationen gefunden und in Thematik und Struktur des neuen Textes eingebunden werden. Dieses Konzept ist so alt wie die Schriftlichkeit selbst.

Mit dem Aufkommen von rechnergestützten Informationsverarbeitungssystemen konnten Texte beliebig gespeichert, verändert, kopiert und klassifiziert werden. Copy&Paste erwies sich als starke Erleichterung – nicht nur für Professoren, die flugs aus ihrem alten Buch einen neuen Aufsatz machen konnten. Letztendlich blieb es jedoch in der Verantwortung des Redakteurs, des Herausgebers oder des Autors, was schließlich gedruckt oder online verfügbar gemacht wurde.

Mustererkennung als Schlüssel

Die menschlichen Schreiber konnten, um ihre Qualifikation unter Beweis zu stellen, schließlich immer auf die mangelnde Fähigkeit von Computersystemen verweisen, Muster zu erkennen. Auch das Fehlen eines rudimentären Konzepts sprachlicher Eigenheiten war festzustellen – nachzulesen in so mancher Betriebsanleitung oder anderen maschinellen Übersetzungen.

Computer waren Genies, wenn es um die extrem schnelle Wiederholung simpler Rechenoperationen ging. Sie waren Idioten, wenn es darum ging, Muster zu erkennen und Schlüsse zu ziehen. Dies ändert sich derzeit: Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI), die sich lange Zeit auf sehr begrenzte Felder wie etwa das Schachspiel konzentrierte, ist weit genug vorangeschritten, die Grundlagen für eine allgemeine Anwendung zu schaffen.

Vom Spiel zum Geschäft

Ein beeindruckendes Beispiel ist eine KI, die ohne Vorkenntnisse „Breakout“, ein altes Atari-Spiel, meistert – bis hin zu einer Könnerschaft, die menschliche Spieler übertraf und dabei auch die Programmierer überraschte, indem neue Strategien entwickelt wurden.

Der relativ simple Spielablauf sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich hier um eine KI handelt, die allgemein verwendet werden kann und deren Vorteil weniger in der großen Rechenkraft oder Wissensdatenbank liegt, sondern in der Lernfähigkeit. Diese kann auch auf andere Bereiche angewendet werden, etwa zur Steuerung eines Fahrzeugs: Denn alle optischen und akustischen Signale, die menschliche Fahrer auswerten, lassen sich inzwischen detailgetreu digitalisieren. Sie alle tragen zu einem großen „Muster“ bei, das milliardenfach simuliert und von der KI zur Optimierung ihres Tuns genutzt kann.

Eine selbstlernende, allgemeine KI wird sich zunächst als Goldgrube für ihren Besitzer, später als unwiderstehlicher Faktor zur Kostenreduktion in vielen Branchen erweisen: Denn zukünftig wäre er ökonomisch irrational (und eine andere Art von Rationalität scheint derzeit nicht zu existieren), weiterhin Menschen zu beschäftigen. Diese sind nicht nur Stimmungs- und Leistungsschwankungen ausgesetzt, sondern erledigen die ihre Aufgaben auch langsamer, schlechter und teurer als die KI. In den USA sind bereits seit mehreren Jahren Systeme im Einsatz, die Sportmeldungen maschinell erstellen.

Maschinelle Recherche, maschinelle Texte

Mit der Fähigkeit, Texten nicht nur zu verschlagworten und zu kategorisieren, sondern auch nach eigenen Kriterien und anhand eigener Fragestellungen durchzugehen, werden Rechner nach und nach also nebenbei zu besseren Anwälten und Wissenschaftlern.

Ist die Software erst einmal handlungsfähig und in Umlauf, wird es sich kaum eine Kanzlei leisten können, darauf zu verzichten: Dort, wo einmal Anwälte für Monate beschäftigt waren und Millionenkosten verschlagen, werden Maschinen arbeiten: Unterbrechungsfrei, frei von menschlichen Schwächen und vor allem kostengünstig.

Je mehr eine KI dazu in der Lage ist, eine Sprache nicht nur als toten Datensatz, sondern als Kommunikationsmedium und Symbolsystem zu erkennen – und hierzu können ganze digitalisierte Bibliotheken als Futter dienen – umso mehr wird auch die maschinelle Textproduktion zunehmen.

Obwohl ein Teil der bisherigen Prognosen aus bewußter Panikmache besteht oder dem Verkauf von diesbezüglichen Beratungsleistungen dient, sollte die Entwicklung nicht unterschätzt werden: Die maschinellen Texte werden kommen und sie sich massiv im Internet verbreiten – zunächst dort, wo es um direkte Werbeeinnahmen geht, beispielsweise im SEO-Bereich.

Wenn dann suchmaschinenoptimierte Artikel von auf suchmaschinenoptimierte optimierten Artikelmaschinen geschaffen werden, ist der Mensch als Leser und Schreiber überflüssig, sondern nur noch in seiner Rolle als Anklicker und Werbeanzeigenbetrachter gefragt. Zumindest vorerst. Wobei sich früher oder später auch hierfür ein KI-System finden wird, das menschliches Maus- Klick-, und Seitenverweilverhalten optimal nachahmt, um Werbeeinnahmen zu erzielen, während die KI-Systeme der Suchmaschinenbetreiber solches Verhalten wiederum aufspüren und sanktionieren sollen.

Google / Alphabet hat sich im Rennen um eine sinnvolle und allgemein nutzbare KI aufgrund seiner immensen Kriegskasse eine gute Ausgangsposition gesichert und wird Wege finden, dies profitabel zu nutzen. Wer also meint, die 90er oder 00er Jahre seien eine schlechte Zeit für Journalisten und Texter gewesen, wird wenig Trost beim Gedanken an die neuen 20er und 30er finden.

Und Ghostwriting?

Ghostwriting weist sicherlich eine große Bandbreite auf – nicht nur an Themen, Branchen und individuellen Schreibstilen, sondern auch an den „Drumherum“-Tätigkeiten: Das persönliche Gespräch oder Telefonat, der Ideenaustausch mit dem Kunden und, soweit möglich, dessen Beratung.

Diese Tätigkeiten werden auf absehbare Zeit in menschlicher Hand bleiben, wenn vielleicht auch einige Kunden, aus Neugier oder Kostengründen, zukünftig lieber vom Kollegen Computer befragt und beraten werden möchten.
Sofern allerdings die Daten digitalisiert vorliegen, schrumpfen Recherche und Schreiben auf jene Mechanismen, die sich von einer allgemeinen KI auch in jedem anderen Bereich erlernen und anwenden lassen. Daher gilt: Ja, auch Ghostwriting dürfte vom Aufkommen der KIs betroffen sein, wenn auch die Schonfrist möglicherweise etwas länger ist als in anderen Sparten, die weniger von individuellen Freiheiten, weniger von Kreativität und mehr von abstraktem Regelwissen geprägt sind.

Wann die Revolution kommt und ob „menschengemachter Text“ zukünftig ein Qualitätsmerkmal oder aber das Stigma erhöhter Fehlerhaftigkeit bedeutet, sei dahingestellt. Ebenso läßt sich die Frage, ob maschinell erstellte Texte anfangs noch als solche erkannt werden, kaum beantworten: Je nach geistiger Nahrung und Algorithmus der KI dürften zunächst unterschiedlichste Qualitätsniveaus zu erwarten sein – wie auch beim Kollegen Mensch.

Zum Weiterlesen: Bostrom, Nick: Superintelligence. Paths, Dangers, Strategies, Oxford 2014.